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ANNA-LENA TSUTSUI

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Baby Dolls | 2008

Videoinstallation | Loop

Die Boxen werden lebensgroß projiziert. Ihre Anzahl (12 - 35) und damit die Größe der Installation hängt vom Ausstellungsort ab.

Sabine Elsa Müller, 2013:

Die Installation "Baby Dolls" (2008) von Anna Lena Tsutsui setzt sich mit aggressiver Buntheit im Straßenbild durch. Die Arbeit bedient sich genau derselben Strategien wie die Werbung, um Aufmerksamkeit herzustellen: neonbunte Farben, grelles Licht, schnelle Bewegungen und die emotionale Wirkung süßer, niedlicher Hundewelpen bestimmen diese Arbeit. Tatsächlich stammen die Bilder ja auch aus einem Geschäft, einer Tierhandlung in Japan. Dort werden eben diese Mittel eingesetzt, um den Kaufanreiz zu wecken. Die jungen Hunde werden wie jede andere Ware so präsentiert, dass sie möglichst viel Interesse auf sich ziehen. Anna Lena Tsutsui hat die einzelnen Boxen abgefilmt und im Maßstab 1:1 zu einer Videowand zusammenmontiert, die den Maßen des Schaufensters entspricht und dabei die originale Präsentation in Japan bei weitem übertrifft. So eingepasst in die Architektur steigert sich die Starrheit der fast quadratischen Boxen ebenso ins Unerträgliche wie die im heftigen Gegensatz dazu stehende Ruhelosigkeit der manischen, ungelenken Bewegungen der Welpen. Gefangen in dieser festgezurrten Form verlieren die Tiere alle Kennzeichen von etwas Selbstbestimmten: Ihre Bewegungen werden zur reinen Mechanik, zu einem absurden Ballett fremdgesteuerter Marionetten. Der leere Aktionismus lebendiger Wesen verwandelt sich in abstrakte Bewegungsmuster.

Dazu hören wir Geräusche, von denen sich der sanfte weibliche Gesang irgendeines Popsongs, menschliche Stimmen, geschäftiges Klappern und Tierlaute unterscheiden lassen. Zunächst wirken die Geräusche wie der gewöhnliche Klangteppich in einem Einkaufszentrum, bis sich nähere Beziehungen zu den Bildern herstellen. Die Tierlaute entpuppen sich als herzzerreißendes Jaulen. Immer deutlicher setzt sich ein seltsames Klopfen durch, als dessen Urheber schließlich ein besonders hektisch in seinem Gefängnis herumhopsender kleiner schwarzer Hund identifiziert wird. Das anfangs bunte und lustige Bild und die einlullenden Geräusche verändern sich in der Wahrnehmung: Sie bleiben an sich zwar gleich, weil sich die kurzen Sequenzen mit der sogenannten Loop-Technik wie in einer Endlosschleife permanent wiederholen, aber durch die Struktur der Wiederholung entsteht eine Art Gegenbewegung. Wie die Tiere in den Boxen bleibt die Geräuschkulisse in sich gefangen, sie dreht sich im Kreis. Es gibt kein vor und zurück.

Der Eindruck der Isolation wird auch dadurch verstärkt, dass jede Box ihr eigenes Timing hat, ihre eigene Dynamik in der Schnittfolge. Dadurch, dass die Boxen von innen beleuchtet sind, erinnern sie an Bildschirme in bunten Gehäusen. Die verzweifelten Versuche der Tiere, aus den Käfigen herauszukommen, wirken wie Darbietungen zur Belustigung der Zuschauer. Extrem gegensätzliche Gefühle, Mitleid, Fürsorge und Belustigung, wechseln sich ab. Einerseits identifizieren wir uns mit den Tieren und empfinden ihre Leiden emphatisch mit, andererseits gibt es diese Distanz – in der Projektion durch das rigide Raster der Käfige visualisiert – die es uns ermöglicht, uns die Tiere physisch und psychisch vom Leib zu halten.

Bei "Baby Dolls" verdichtet sich die Realität je nach den räumlichen Gegebenheiten des Projektionsortes in einem fest zusammengefügten Bild, in dem sich die Empfindung des Eingeschlossensein potenziert. Dieses Eingepasste fordert den Widerstand gegen die unverrückbaren Strukturen geradezu heraus. Indem sich die Installation mit dem Ort gemein macht, gewinnt sie an Glaubwürdigkeit und Relevanz.